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TIERBEFREIUNG 111

Ein Schimpanse im Zoo sammelt Steine, um sie am nächsten Tag auf die Besucher*innen zu werfen, die ihn angaffen. Eine Kuh flieht aus einem Schlachthof und läuft durch eine Innenstadt. Ein kleines Ferkel springt aus der Schlachtbox und flieht vor den Schlachter*innen. Geschichten wie diese werden von Tiernutzenden häufig als eine Ausnahme beschrieben. Die nichtmenschlichen Tiere, die so etwas tun, werden von Tiernutzer*innen häufig als „verrückt“ beschrieben. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, solche und ähnliche „Vorfälle“ sind keine Ausnahme. Immer wieder wehren sich nichtmenschliche Tiere gegen ihre Gefangenschaft und ihre Ausbeutung. In einigen Kreisen der Human-Animal Studies und der Tierbefreiungsbewegung wird daher von tierlichem Widerstand oder auch Animal Resistance gesprochen. Diesem Themenkomplex widmet sich die aktuelle Ausgabe der TIERBEFREIUNG. Wie kann tierliches Handeln beschrieben werden? Wie leisten nichtmenschliche Tiere Widerstand gegen das Ausbeutungssystem, in dem sie leben müssen? Und was bedeutet das Ganze für die Tierbefreiungsbewegung? Diesen und weiteren Fragen widmen sich unterschiedlichste Autor*innen in unserem Titelthema „Tierliche Agency –Tiere als handelnde Subjekte“.

 

Editorial

Liebe Leser*innen und Aktivist*innen,

ich habe kürzlich an einem Seminar teilgenommen, an dessen Ende sich andere Teilnehmer*innen darüber ausgetauscht haben, wie sehr ihre Freiheit durch das Tragen einer Maske eingeschränkt wird und wieviel Angst sie vor der Impfung gegen Corona haben und ich dachte an die vielen nichtmenschlichen Tiere in ihren Käfigen und Ställen oder die Bomben, die gerade im Nahen Osten wieder fallen, die vielen Coronaopfer in Indien
und wurde so wütend, dass ich einfach gegangen bin. Ich weiß nicht, was eine sinnvolle und angemessene Reaktion gewesen wäre, das frage ich mich oft und habe keine Antwort darauf. Menschen können so ignorant sein und es macht mich oft hilf und hoffnungslos.

Aber dann gibt es auch immer wieder gute Nachrichten, kleine Geschichten von Empathie und selbstloser Hilfe und so viel Liebe und Schönheit um uns herum. Die Ignoranz kann durchbrochen werden und wir als Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung haben einen wichtigen Anteil daran, dass nichtmenschliche Tiere nicht mehr komplett ignoriert werden.

Schon immer hat es mich gestört, dass Menschen sich als die Stimme der Stimmlosen verstanden haben, als wären andere Tiere stumm. Dass ihre Schreie nicht gehört werden ist sicherlich wahr, aber sie haben eine Stimme und setzen sie auch ein. Ebenso wie alles andere, das sie nutzen können, um zu zeigen, dass sie mit dem, was mit ihnen passiert, nicht einverstanden sind.

Wir möchten mit dem Titelthema zeigen, dass nichtmenschliche Tiere nicht nur zu rettende Opfer sind, sondern auch widerständige und teilweise sehr kreative Individuen, die für ihre Freiheit kämpfen. Wie der Mensch es geschafft hat, so viele andere Tiere, die größer, stärker oder kleiner und schneller sind als er, einzusperren und auszubeuten erstaunt mich immer wieder. Das Titelthema zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem großen Bereich der Mensch-Tier-Beziehungen und wir hoffen, bald noch tiefer in das Thema einsteigen zu können.

Dass es trotz ihres Widerstandes in der Regel so ist, dass nichtmenschliche Tiere gezüchtet, eingesperrt und ermordet werden, wird wie immer in unseren Kurzmeldungen zu den verschiedenen Tierausbeutungsindustrien deutlich. Als Ausgleich gibt es zum Glück die Geschichten von den Lebenshöfen, auf denen Tiere zusammen so frei wie möglich leben können. Und wir als Bewegung versuchen weiterhin, einer befreiten Gesellschaft näher zu kommen, im Heft findet ihr einen Bericht zum Tierbefreiungsratschlag 2021 und einen Aufruf für den Tierrechtskongress im Oktober 2021, es gibt den Quartalsbericht zu Direkten
Aktionen, weitere Beiträge zum Diskurs zur Revolutionären Realpolitik und noch mehr.

Wir wünschen euch einen aktiven und schönen Sommer und vielleicht sehen wir uns bei der Massenaktion des zivilen Ungehorsams vom Bündnis Gemeinsam gegen die Tierindustrie vom 12. bis 17. Juli 2021! PHW ade!

Bis jeder Käfig leersteht!
Mirjam Rebhan

 

 

Aus dem Titelthema:

Tierliche Agency – Tiere als handelnde Subjekte Ausbeutung

  • Und sie handeln doch… Tierliche Agency – Der Versuch einer Einführung
  • Animal Resistance: Wenn Tiere sich wehren
  • Rezension: Fear of the Animal Planet – The Hidden History of Animal Resistance
  • Interview mit der Philosophin Eva Meijer über Animal Agency und ihre Arbeit
  • Tierporträt: Tyke – An elephant with a voice
  • Ferdinand – Der kleine Stier, der einfach leben wollte
  • Interview mit der belgischen Tierbefreiungsaktivistin Geertrui Cazaux
  • Tierliche Agency und die historische Tierbewegung – Das Insectionals-Manifest- Deutsche Übersetzung aus dem Manifest des Insectionals-Kollektiv

Aus dem Inhalt:

  • Studie: Milliarden für die Tierindustrie – Interview mit dem Bündnis GgdT
  • Die Pleite der Tiermordprofiteur_innen ESCADA
  • Geplanter Megazoo in Niederbayern verhindert
  • Ungeklärte Todesfälle und Missstände im Duisburger Zoo
  • Rezensionen: Tierstudien 15/201 und 16/2019
  • animot-Preis: antispeziesistischer Literaturpreis
  • Tear Down Tönnies: Update zur Schadensersatzforderung gegen die Aktivist*innen von Tear Down Tönnies
  • Vernetzung in Zeiten der Pandemie: Der digitale Tierbefreiungsratschlag 2021
  • Termin: Tierrechtskongress Leipzig 2021
  • Diskurs: Revolutionäre Realpolitik für die Befreiung der Tiere – Rückblick auf die 3. Veranstaltung im März 2021
  • Keine Befreiung mit autoritären Mitteln!
  • Lebenshöfe: Happy Kuh e.V. und der Lebenshof 198/SchweineHund e.V
  • Quartalsreport: Befreiungen und Sabotagen
  • u.v.m.

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Das Magazin des Vereins erscheint vier Mal jährlich und versteht sich vordergründig als Bewegungs- und nicht als Vereinsmedium. Themen sind Tierausbeutung, Proteste und Aktivismus, Diskussion und Vorstellung von Strategien und Profil der Bewegung, Buchbesprechungen, Kultur, Theorie, aktuelle Nachrichten, Ankündigungen und Berichte von Events und andere Themen.

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